„Er isst doch wohl nicht die Steine?“ Besorgt blickt der Herzensösterreicher aus unserer Hochbeetbaustelle zu mir, die ich im Kräuterbeet hänge. Seit Vormittag werkeln wir mal wieder im Garten und der Kronsohn hat es sich im Kiesbett gemütlich gemacht. Das hat mein Mann errichtet, um die Skulptur unseres Steinkünstler-Freundes, Thomas Györi, würdig platzieren zu können. „Nein, keine Sorge. Er trinkt nur aus der Vogeltränke.“, winke ich ab und beschäftige mich weiter damit, den dusseligen Basilikum einzusetzen. Ich habe es aufgegeben, Fritzi zu verbieten, aus der Vogeltränke zu trinken. Das Wort „Nein!“ wirkt bei unserem Sohn nur begrenzt. Wir haben es bereits auf allerlei Arten probiert zu sagen, zwar nimmt Fritzi das auch kurz zur Kenntnis, dreht meistens eine kleine Runde und beschäftigt sich erneut mit dem, was er nicht darf. Effektiver ist bei unserem Sohn das Lob. „Super“ und „Bravo“ sind mittlerweile auch fester Bestandteil seines Wortschatzes geworden. Das Wörtchen „Nein“ hingegen nicht. Er liebt es, gelobt zu werden und tun wir es nicht, dann tut er es selbst. Ein Beispiel: Unser eineinhalbjähriger Knopf macht sich die Klettverschlussschuhe selbst zu. Noch bevor er den Schuh verschlossen hat, tönt er präventiv „Super!“, was allerdings wie „Duper!“ klingt. Es könnte ja sein, dass wir seine Leistung nicht entsprechend würdigen. Wir probieren auch schon die Töpfchen-Sache mit mal mehr und mal weniger Erfolg. Natürlich vollführen wir nach seinem getanen Geschäft unseren Regentanz mit Jubelschreien, so dass er ganz aus dem Häuschen und stolz ist. Zurzeit haben wir aber trotz langer Sitzungen keinen Erfolg und unser Regentanz blieb aus. Das stört Fritzi nur begrenzt. Er applaudiert sich trotzdem und ruft laut durch das Haus „Duuuuuuuper!“
Die Lobmethode hat sich als wirklich wirksam bei uns herausgestellt. Er soll etwas anziehen, was er nicht so mag. Kein Problem. Ich flöte dann: „So ein schmucker junger Mann. So schmuck!“ Der Knopf muss sich natürlich davon überzeugen und stellt sich vor den Spiegel. Und meistens sagt er dann auch zustimmend „Muck!“ Der Herzensösterreicher verdreht bei meiner Flöterei nur die Augen und singt dann ebenfalls dazu: „Soooooo Schmuuuuck!“ Wer jetzt meinen könnte, wir erziehen unseren Sohn so zu einem eitlen Egozentriker, der irrt. Fritzi ist auch sehr freigiebig, andere zu loben und so alle um den Finger zu wickeln. Das funktioniert sowohl bei Gleichaltrigen, als auch bei älteren Kindern und sogar bei Erwachsenen. Ein Beispiel: Fritzi und ich spazieren durch unsere Siedlung. Trotz Windes wollte er unbedingt seinen „Bonne“, also seinen Luftballon mitnehmen. „Nein“ hatte nicht funktioniert, also marschiert er mit dem Ding vorne weg. Auch die älteren Nachbarjungs sind draußen und fetzen mit ihren Mountainbikes durch die Gegend. Der Kronsohn verlangt deren Aufmerksamkeit und schmeißt seinen Bonne in ihre Richtung. Der Wind ergreift diesen sofort und droht, ihn davon zu tragen. Die Nachbarjungs fangen ihn glücklicherweise wieder ein und überreichen ihn Fritzi. Und was macht der? Er lobt sie in dem er sagt: „Duper!“. Gleich darauf wirft er den Ballon wieder weg und lässt ihn sich wiederbringen. Natürlich folgt wieder ein „Duper!“. Die armen Jungs müssen die nächste halbe Stunde den Bonne apportieren. Aber sie werden auch kräftig von Fritzi dafür gelobt.
Nicht immer verfolgt Fritzi mit seinem Lob ein Ziel. Er würdigt auch einfach nur Leistungen. Er und ich mussten neulich in den Baumarkt. Der Parkplatz dazu stammt aus einer Zeit, in der offenbar alle noch mit dem VW-Käfer unterwegs waren. Ich bin aber mit dem VW-Bus und dem Knopf dort. Rückwärts quetsche ich mich in eine der wenigen freien Lücken, und es gelingt mir tatsächlich in einem Zug. Noch im Auto sage ich stolz zum Kronsohn: „Na das war doch gar nicht schlecht.“ Fritzi zwinkert mich an und ruft „Bravo! Bravo!“ Ein tolles Kind, das uns wirklich viel Freude bereitet. Auch den anderen.
Palmsonntag. Fritzi trägt zum ersten Mal Lederhose und einen eigenen Palmbesen. Er sieht zum Niederknien aus. Die kleine Kirche in Unteramlach ist vollgestopft mit Menschen. Meine resolute Schwiegermama hat für Fritzi, Schwiegerpapa und sich einen Platz in der ersten Reihe ergattert. Wir blicken von der Empore aus hinunter auf das Geschehen. Der Pfarrer hält seine Messe ab, und dazwischen werden Lieder angestimmt. Es ist recht feierlich. Als das erste Lied aus ist, wird die Stille durchbrochen von – na klar: Fritzi. Er ruft laut „Bravo!“ und klatscht in seine Hände. Wir müssen lachen und einige andere in der Kirche auch. Nach dem nächsten Lied wieder: „Bravo! Bravo!“. Selbst die Ministranten kichern schon. Wir blicken gespannt auf das, was sich da in der ersten Reihe abspielt. Das nächste Lied wird gesungen und mittlerweile starrt fast die gesamte Gemeinde auf unseren Sohn. Überraschung. Jetzt bleibt er stumm. Was ist passiert? Hat es ihm nicht gefallen? Droht der ganze Gottesdienst doch zu floppen? Nein. Es sind jetzt die Kerzen, die Fritzi faszinieren und abgelenkt haben. Und da kommt schon das nächste Lied. Fritzi ruft wieder „Bravo!“ Erleichterung bei Allen und Stolz bei uns.