Frühlingsgefühle

Heute müssen wir uns nach der Krabbelgruppe beeilen. Eigentlich müsste es nur unser eineinhalbjähriger Sohn eilig haben. Seine kleine Freundin Lara wird heute zwei Jahre alt und hat zur Geburtstagssause geladen. Nun ja, wir Mütter haben das untereinander abgekaspert. Unsere Kids ahnen noch nichts davon. Fritzi verfolgt deshalb stoisch seinen Ablaufplan ohne Hast. Er muss noch „Wasser schaun!!!“ und marschiert schnurstracks zum nächsten Gulli. Dass Wasser eine große Anziehung auf Kinder hat, weiß ich, aber wir müssen jeden Tag vor und nach der Krabbelgruppe alle drei Gullis auf dem Parkplatz inspizieren, ob sich darunter nicht doch Wasser findet. Fritzi hat Glück. Es regnet und plätschert ins Spittaler Kanalsystem, dass es für den kleinen Knopf eine wahre Freude ist. Gutes Zureden bringt nichts. Er will einfach noch nicht ins Auto einsteigen, sondern weiter „Wasser schaun!“ Nach weiteren endlosen 5 Minuten schnappe ich unseren Sohn und stecke ihn in seinen Kindersitz. Ein mittleres Drama bahnt sich an, das ich nur mit einem Fruchtriegel abwenden kann. Ja, ich stelle unser Kind mit Essen ruhig. Dass er gerade von der Nachmittagsjause aus der Krippe kommt, stört mich wenig. Lara wartet, die Torte wartet und auf mich hoffentlich auch ein Prosecco. Unterwegs sammle ich noch den Herzensösterreicher ein und mit einer halben Stunde Verspätung sind wir endlich bei Lara. Die kleine Maus strahlt uns an, als sie mit ihrer Mutter die Tür öffnet. Doch Fritzi hat erst einmal keinen Blick für die Kleine. Ihn interessiert nur eines: der Bonne! Für die, die kein fritzisch sprechen, hier die Übersetzung: es ist der Luftballon. Unser Knopf liebt Ballons, vor allem die, die er nicht hat. Lara gibt ihm großzügigerweise ihren roten Ballon und der Knopf ist aus dem Häuschen. Bahnt sich hier eine kleine Kleinkindromanze an? Die Zuneigung weicht, als unser Sohn weitere aufgehängte Luftballons im Wohnzimmer entdeckt. Die braucht er natürlich auch und zwar sofort. Der rote interessiert ihn nicht mehr. Und tatsächlich reicht ihm die Mama des Geburtstagkindes drei weitere. Unser Sohn ist selig und quatscht auf fritzisch mit Lara, die einiges nachplappert. Wir Eltern genießen in der Zwischenzeit Sekt, Kaffee und Kuchen. Alles ist gut, dann entdeckt unser Sohn ein Windrad im Nachbargarten und ist ebenfalls nicht mehr zu halten. Tückischerweise muss man ihn dazu am Fenster hochheben, damit er es genau sehen kann. Ein Apfelbaum versperrt sonst die Sicht unseres Sohnes. Der Herzensösterreicher stemmt Fritzi hoch und runter, oder wie er sagen würde, aufe und obe. Unser Sohn kriegt nicht genug davon. Laras Mama ahnt, dass die Kräfte meines Mannes auch irgendwann schwinden könnten, Fritzi hat aber das Windrad immer noch nicht genug betrachtet. Laras Mama zaubert ein kleines Windrad her und überreicht es unserem Sohn. Er nimmt es kurz zur Kenntnis und will wieder in die Luft gestemmt werden. Nun erbarme auch ich mich und versuche, das Interesse unseres Sohnes auf das kleine Windrad in seiner Hand zu lenken. Ich puste und puste, aber es rührt sich nicht. Und während ich die nun folgenden Worte an meinen Sohn formuliere, bereue ich es schon beim sagen: „Ich kann nicht so gut blasen.“ Betretendes Schweigen am Tisch. Mein Mann kriegt einen Lachanfall und reagiert voll auf diese Steilvorlage: „Sehe ich anders.“ Das betretende Schweigen dehnt sich ins Unerträgliche aus. Mein Kopf glüht und ich wünsche mir ein Loch, in dem ich versinken kann. Mein Mann haut sich auf die Schenkel vor lachen. Zur kurzen Erklärung an die deutsche Leserschaft. Das Wort „pusten“ verwendet man hier in Kärnten nicht. Man bläst hier – ja, unverfänglich Windräder an, Luftballons auf und so weiter. Als gut assimilierte Neukärntnerin mit Berliner Migrationshintergrund habe ich mich der Sprache angepasst. Die sprachlichen Stolperfallen habe ich noch nicht raus. Mein Mann wischt sich eine kleine Träne aus dem Augenwinkel weg. Er wird noch immer von Lachanfällen geschüttelt. Mein kleiner Sohn rettet mich. „Bonne!“ Fritzi will wieder zum roten Ballon. Braves Kind. Natürlich gebe ich ihm sein Objekt der Begierde sofort. Vermutlich gleicht meine Gesichtsfarbe diesem Ding. Dann nimmt der Knopf meine Hand und marschiert zielgerichtet in die Vorratskammer unserer Gastgeber. Lara folgt ihm. Ich schaue kurz zur Geburtstagstafel, während Fritzi den Moment nutzt, sich an meiner Hand ein Herz fasst und Lara ein Bussi gibt – in der Vorratskammer. Ich staune nicht schlecht. Und Fritzi tut es schon wieder. Ich rufe den anderen Gästen halb verwundert, fast ein bisschen stolz zu, was da gerade in der Vorratskammer passiert. Sein Vater ruft zurück: „Ganz der Papa.“ Wir müssen gehen, unser Sohn muss bald ins Bett. Auf dem Heimweg sage ich zu meinem Mann: „Deine Bemerkung zum meinem Windrad-Verbal-Ausfall und die Knutscherei unseres Sohnes in der Vorratskammer haben uns ja mal wieder im besten Licht gezeigt.“ Er grinst: „Und in ein paar Jahren eröffnet unser Sohn seine Praxis zum Dokter spielen.“