„Tick tack tick tack“ …

… ruft Fritzi und zeigt mit seinem Finger auf unsere große Küchenuhr. Ich weiß es auch so. Wir sind mal wieder viel zu spät dran. Der Herzensösterreicher musste heute sehr früh los, so dass Fritzi und ich allein den Morgen bis zur Kinderkrippe bestreiten müssen. Mit unserem stumpfen Messer bearbeite ich das sehr rustikale Bauernbrot. Zack. In den Finger geschnitten. Natürlich fängt es sofort an zu bluten und ich fluche, denn die Pflastersuche wird wertvolle Sekunden kosten, die uns am Ende fehlen werden. In der Küchenschublade liegen nur kleine Kinderpflaster und Blasenpflaster. Wie kommen die dort rein? In meiner Handtasche werde ich fündig. Zwischen angebissenen Kinder-Fruchtriegeln und klebrigen Fruchtquetschi liegt ein bekrümeltes Pflaster. Der Herzensösterreicher würde schon schimpfen. Er sagt immer augenzwinkernd, er will eine unbeschädigte Frau. Wenn ich mich schneide, dann mindert es meinen Wert. Natürlich ist das nicht ernst gemeint.

Weiter geht es im Programm. Der Kronsohn möchte heute nicht die Brote auf seinem Teller essen. Er will lieber mein Frühstück, das eigentlich genau das gleiche ist. Egal! Er ruft: „Meins, meins!“ Als ich ihm das Honigbrot rüber reiche, landet es auf seinem Body. Die gelben Spuren fügen sich wunderbar harmonisch zu den übrigen Frühstücksflecken ein, die in schönster Regenbogenmanier leuchten. Ich ziehe ihn später um, denke ich noch und werfe wieder ein Blick auf die Uhr. In 15 Minuten müssen wir los. Während ich das Frühstückschaos beseitige, erzeugt Fritzi Neues an anderer Stelle. Er räumt die Rezeptkarteikarten aus und verteilt sie auf den Boden. Danach widmet er sich seinem Spielzeugschrank, dessen Inhalt er ebenfalls überall verteilt.

Noch zehn Minuten. Ich muss noch Zähneputzen, Fritzi fertig machen und das Haus zumindest im Ansatz von Chaos befreien, denke ich, während ich die Karteikarten einsammle. Jetzt bloß nicht hektisch werden, sonst bekleckere ich mich. Fatalerweise habe ich heute etwas Einfarbiges an. Bei kleinen Kindern hat sich gemusterte Kleidung als sehr praktisch erwiesen. Die kaschieren schön Spuren von schmutzigen Patschhändchen und Essensreste von klebrigen Kindermündern, die vorzugsweise auf meiner Schulter oder Dekolleté abgewischt werden. Da Wickeltaschen in der Regel zu klein sind um auch noch Wechselkleidung der Eltern zu verstauen, muss man sich anderweitig behelfen. Meine Methode hat sich bewährt: Wild gemusterte Businnesoutfits sind die Camouflage der Working Mum und erzeugen einen Hauch Extravaganz.

Noch fünf Minuten. Eilig nehme ich noch einen Schluck Kaffee. Ich höre es scheppern. Fritzi hat sich wieder der Metallbox gewidmet, in der die Rezeptkarteikarten sind. „Aber Fritzi. Ich habe sie gerade zusammengeräumt. Wir müssen gleich los. Musste das jetzt sein?“, frage ich mit hochgezogenen Augenbrauen unseren 19 Monate alten Sohn. Er knapp: „Jå.“ Ich: „Ja???“ Er: „Jå!“ und dreht ab zum Spiegel, um seinen bekleckerten Bauch zu bewundern. Ich überlege kurz, ob ich zu den Karten noch ein paar Kochbücher schmeißen soll. Dann hätte unser Chaos konsequenterweise auch ein Thema. Tick tack … jetzt müssen wir los. Ich schnappe mir die frische Kleidung für unseren Sohn, um ihn umzuziehen. Als er sieht, was ich vorhabe, läuft er weg. Ich hinterher. Er weiter weg. Verdammt schnell, der kleine Knopf. Ich lotse ihn in eine Sackgasse. Jetzt entkommt er mir nicht mehr. Das findet er natürlich gar nicht mehr lustig und biegt sich in alle Richtungen. Er will nicht umgezogen werden. Sein Oberteil wurschtel ich ihm rüber. Es fehlt noch die Hose. Fritzi befreit sich und das Fange-Spiel beginnt von vorne. Ich muss noch Zähne putzen, denke ich. Egal, genau für solche Fälle habe ich ja eine Zahnbürste im Büro.

Fünf Minuten zu spät. Ich habe es mittlerweile geschafft, Fritzi auch die Hose überzustreifen. Er betrachtet sich im Spiegel und ruft: „Muck!“, also übersetzt „Schmuck“. Dann zeigt er auf mich und ruft wieder: „Muck.“ Ach, ich kann noch so wild aussehen, mein Sohn findet mich trotzdem schön. Er ist halt der beste Fritzi auf der ganzen Welt. Ich packe schnell unsere Sachen zusammen. Wo habe ich nur meine Uhr und meine Ohrringe hingelegt?

Zehn Minuten zu spät. Ich bringe Fritzi ins Auto. Das heißt, er will selbst die Treppe hinunter gehen. Das dauert, denn er muss sich dabei das Geländer ganz genau ansehen. Es könnte ja an jeder Stufe wieder etwas Neues geben. Wie soll das später in der Schule werden, denke ich. In der Krippe ist unsere Verspätung noch nicht so tragisch. Fritzi flitzt die Auffahrt runter. Er muss jetzt noch „Wasser saun“ beim Gully auf dem Nachbargrundstück. Ich renne hinterher und schnappe ihn unter lautem Protest von uns beiden. Wurscht! Wir müssen los und ich weiß immer noch nicht, wo meine Ohrringe sind. Er sitzt endlich im Auto.

15 Minuten zu spät. Ich eile hoch, suche meine Geldbörse, finde dafür mein Handy und meine Uhr. Meine Ohrringe sind verschwunden. Ich renne nach oben zum Schmuckkästchen. Einen Moment überfordert mich die Auswahl. Seit Monaten trage ich immer dieselben Ohrstecker, da Fritzi sie mir beim Toben nicht gleich aus dem Ohr reißen kann. Heute mal verwegen sein, denke ich, und schnappe mir die Ohrringe zum Einhängen. Ich renne die Treppe runter, schaffe es dabei noch, mir einen ins Ohr zu fummeln und springe ins Auto. „So, Spatz, jetzt müssen wir uns wirklich sputen.“ Fritzi ruft von hinten: „Gemma!“ Ich brause den Berg hinunter in die Stadt. Es weht ein verdächtiges Lüftchen zu mir nach vorne. Oh bitte jetzt nicht noch eine Stinkewindel, bete ich. Ich weiß nicht wie, aber unsere Verspätung kann ich um 10 Minuten wieder aufholen. Geschafft. In wenigen Minuten ist die Windel nicht mein Problem. Mit Bärchen „Bummi“ und Affe „Jojo“ im Schlepptau geht es in den Gruppenraum. Zurück in der Garderobe fasse ich mir ins Gesicht, denn irgendwas habe ich vergessen. Es klebt. Mein halbes Frühstück hängt mir selbst noch im Gesicht. Ich greife mir ans Ohr. Ein Ohrring fehlt. Okay, ich habe mich nicht gewaschen und sehe aus wie eine Piratenbraut. Damit kann ich leben. Ein ganz gutes Ergebnis für so viel Aufregung am Morgen.

Prolog

Fast drei Jahre musste es dauern, aber jetzt bin ich wieder bereit. Schon lange fragten verschiedene Menschen nach, wann ich denn endlich wieder beginne zu schreiben. Beruflich habe ich nie aufgehört, doch ich musste erst einmal mein neues Leben ordnen, um auch aus dem privaten Nähkästchen wieder plaudern zu können. Viel ist passiert. Aus mir ist mittlerweile Frau Herzensösterreicher geworden. Und auch ein kleiner deutsch-österreichischer Bua namens Fritz bereichert unser Leben. Die Hysterie des ersten Babyjahres ist, der Herzensösterreicher mag es vielleicht etwas anders sehen, zugunsten einer gewissen Gelassenheit gewichen, die sicherlich auch mit chronischem Schlafmangel zusammenhängt. Perfektionismus wurde durch „Geht schon. Passt schon.“ abgelöst. Und ich habe die Vorteile von gemusterter Kleidung entdeckt. Darauf sind klebrige Kindermünder- und -fingerabdrücke weniger deutlich sichtbar. Auch macht es mir nichts mehr aus, in aller Öffentlichkeit meinem Kind laut erklären zu müssen, dass auch ich Lulu muss und dass ich mich über Gagsi im Töpfchen freue. Mein Repertoire an schönen und beknackten Kinderliedern wächst von Woche zu Woche. Das permanente schlechte Gewissen, sein Kind schon mit einem Jahr in die Betreuung zu geben, um Filme machen zu können, ist geschrumpft. Unserem Knopf geht es dort sehr gut. Mein Respekt vor Kindererzieher/-innen ist dafür ins Ehrfürchtige gewachsen, was nicht nur an deren außerordentlichen Talent im Basteln liegt. Erstaunlich, was sich aus einer leeren Klorolle so alles herstellen lässt. Warum dieser Blog? Weil wir Mütter und Väter es weder perfekt noch immer richtig machen, aber ich habe gelernt, dass es trotzdem gut so ist. Ich will weder belehren noch Tipps geben, sondern einfach zeigen: Uns geht es genauso. Viel Spaß!